Leopold Schefer



Der

Unsterblichkeitstrank.

— Tschang - Seng - Yo —


Wie viel ist der Schlaf, wie viel bedeutet er, und wie viel könnte er seyn !   Denn  —  die gewiß schon fünfzig Jahr lang todten Fliegen legte ich in die Sonne  —  und die Fliegen wurden wieder lebendig !  Da durchblitzte mich ein Gedanke an die Menschen !

F r a n k l i n.

Vorbemerkungen:
In „Neue Novellen“ von Leopold Schefer erschienen im Ersten Band die Novellen
1. Der Unsterblichkeitstrank und
2. Der Seelenmarkt
Leipzig, bei C.H.F Hartmann.  1831



In China war Leopold Schefer gewiß nicht. Aber in Griechenland, in Italien, in der Türkei, in Kleinasien; sicher hat er dort Chinesen gesehen und möglicherweise auch kennengelernt. Die Anregung zur Novelle „Der Unsterblichkeitstrank“ erhielt er sicher nicht auf seinen Reisen. Vielmehr ist es seinem Talent, seiner Erzählkunst und seiner Phantasie zu danken, daß diese schöne Novelle entstand. In der Bibliothek des Pückler-Schlosses Muskau existierte offenbar ein „Buchdienst“, der dafür sorgte, dass der Buchbestand immer auch aktuell war. Deren eifrigster Benutzer, Leopold Schefer, der ja nach seiner Weltreise [1816 bis 1819] Muskau nicht mehr verlassen hatte, fand in dieser Bibliothek Anregungen und „Gedankenblitze“  für seine geistigen Auseinandersetzungen mit seiner Zeit und für seine schriftstellerische Tätigkeit. So kamen ihm 1827 einige chinesische Erzählungen, die von dem namhaften französischen Sinologen Jean-Pierre Abel Rémusat [05.September 1788 bis 04.Juni 1832, seit 1814 erster Inhaber eines Lehrstuhls für Sinologie an der Sorbonne, Paris] übersetzt wurden, in die Hände.



Diese regten ihn offenbar an, sich mit einem Thema zu befassen, welches in China in Sagen und Geschichten über chinesische Kaiser bekanntermaßen eine große Rolle spielt, der Unsterblichkeit. Es entstand die Novelle „Der Unsterblichkeitstrank“.
Was bewegte Schefer, sich mit diesem komplizierten Stoff, über das "Geschichtliche" Chinas  zu beschäftigen?
Das Leben und der Tod beeindruckten bereits den jungen Schefer sehr und veranlaßten ihn zu tiefschürfenden Reflexionen. Schon im ersten Gedicht des Laienbrevier ( I. Januar, „Nur wer die ganze Stimme der Natur . . .“ und in weiteren Gedichten des Laienbrevier) ist zu erkennen, wie tief das Thema „Leben und Tod“ durch  Schefer gesehen wird, wie tief es ihn berührt.
Sich des Themas der Novelle anzunehmen, bedurfte eines Gedankenblitzes, induziert durch Abel-Remusat's Übersetzungen aus dem Chinesischen, . . . und die Konzeption war klar.  — Der Dichter begann zu arbeiten . . .
Es entstand die Novelle „Der Unsterblichkeitstrank“. —
Reise-Literatur über China gab es damals !
Auf einen wichtigen Aspekt weist Wilhelm von Lüdemann (1857) hin: „Mit seinen Novellen, voll innerer Wahrheit und äußerer Unwahrscheinlichkeit, welche Menschen, nach des Dichters Schöpfungsplan, nicht wie sie auf Erden sich drängen und bewegen, schildert, mit diesen durch und durch poetischen Gebilden flüchtet er besonders gern in den fernen Orient, oder doch in das Dunkel entfernter Zeiten und entrückt sich so dem gemeinen Maßstabe. Natürlich, denn nur ein dichterischer Maßstab sagt ihnen zu. Im Orient ist Pracht, Fülle, Lebensgenuß; hier ist Alles wie von schonungsloser Plastik, die keine Urkraft verkümmern läßt.“

    

Schon auf den ersten Seiten der Novelle zeigt sich die Erzählkunst von Leopold Schefer: Von einer beeindruckenden Naturschilderung gleitet die Erzählung über zur Beschreibung eines jungen Mannes — dem Held der Geschichte — Semakuang — an dem sich das Thema auf und abspult, der uns die ganze Geschichte lang begleitet, weiterhin zu Menschen und deren Problemvielfalt, die dann den eigentlichen Stoff der Novelle auszufüllen beginnen. Die Detailvielfalt und die starke Verästelung des Stoffes ist für Schefer's Art zu schreiben und zu berichten typisch:

Der 1818 geborene Literaturhistoriker Julian Schmidt schrieb 1858 in der „Geschichte der deutschen Literatur seit Lessings Tod*)“ über Leopold Schefer, speziell über dessen Novelle „Der Unsterblichkeitstank“ —
Zitatanfang:
„Die Novelle: der Unsterblichkeitstrank (1831) spielt in China und umfaßt in ihrem in den wunderbarsten Farben ausgeführten Gemälde nicht bloß die geschichtlichen Verhältnisse der Chinesen, sondern auch ihre Sagen und Märchen. Es ist eine chinesische Sage, daß die Dynastie des Fo an einem heimlichen Ort auf der Erde fortlebt. Der pantheistische Dichter, der eigentliche Wunder nicht gelten läßt, hat das so erklärt, daß diese uralten Könige das Mittel besitzen, eine beliebige Zeit zu schlafen und während derselben nicht zu altern. So schlafen sie zuweilen Jahrhundert lang und kommen unversehens als Jüngling wieder zum Vorschein. Je haushälterischer sie mit ihrer Zeit umgehn, desto länger bleiben sie jung. Daher kommt es, daß der Ahnherr und Fürst des Geschlechts Y erst vierzig Jahre zählt, sein Sohn Ly dagegen sechzig, der Enkel achtzig, der Urenkel Semakuang, der Held der Geschichte, einige dreißig. Wenn ein solcher Siebenschläfer einmal auf die Erde zurückkehrt, so findet er seine Gemahlin als ein uraltes Mütterchen wieder, und seinen Sohn so bejahrt, daß er schicklicher Weise sein Vater sein könnte. Neben dieser Wundergeschichte, die den leitenden Faden der Verwicklung bildet, werden wir noch durch alle möglichen andern magischen Mittel phantastisch angeregt; aber auch diese bestehn nur in dem ungewöhnlichen Gebrauch von Naturkräften. Noch seltsamer sind die Sitten, Gebräuche und Vorstellungen, die uns in dem angeblich wirklichen Leben begegnen. Sie sind mit einer Glut, mit einem Schmelz der Farben ausgeführt, der uns blendet; allein wir erwarten doch immer, in dem Dichter werde sich endlich das Gefühl des Widersinnigen regen und er werde plötzlich ins Possenhafte überspringen, um uns aus der halbtollen Stimmung, in die er uns versetzt hat, wieder zu befreien, Im Gegentheil, er bleibt ernsthaft, feierlich gerührt, ja, er läßt nicht ab, über das, was geschieht, obgleich es auf den lustigsten Grundlagen aufgeführt ist, die weisesten Betrachtungen anzustellen.
Zitatende.
——————
*) Geschichte der Deutschen Literatur seit Lessings Tod
    Julian Schmidt
    4. Auflage, 2. Band, Seiten 516-517
    Leipzig, Friedrich Ludwig Herbig 1858 


Die Novelle habe ich in orginaler Form wiedergegeben, nach dem Ersten Band der Neuen Novellen von Leopold Schefer aus dem Jahre 1831 [Leipzig, bei C. H.F.  Hartmann]. Die orginale Orthographie wurde beibehalten. Die Zeichensetzung, die heutzutage abenteuerlich anmutet, ist unverändert. So erfolgt die Internet-Wiedergabe buchstaben- und zeichengetreu. Dabei sind die Inkonsequenzen in Orthographie und Interpunktion beibehalten. Diese erklären sich mit Sicherheit aus dem Fehlen verbindlicher Normen in Schefer’s Zeit. Offensichtliche und eindeutig zu korrigierende Druckfehler habe ich berichtigt. Nicht übernommen habe ich den Doppelstrich für Wortkoppelung und Silbentrennung sowie die Einrückkung von Absätzen. Die Novelle ist aber lesbar —  am besten laut zu lesen. Eine interessante Geschichte, bildhaft datailiert dargestellte Episoden . . . eine gute Vorlage für ein Drehbuch. 
Schefer Darstellungsweise regt das bildhaft-konzeptuale Denken und Gedächtnis an und macht die Novelle erlebbar, — eine Art zu schreiben und einen Stoff dem Leser fesselnd nahe zu bringen, in einer Zeit als das Kino noch nicht erfunden war und das Fernsehen noch nicht zum menschlichen Alltag gehörte. — Das ist die Meisterschaft Schefers zu schreiben.

Aus heutiger Sicht ist es auch Ausdruck Weisheit des Dichters, indem er an den verschieden Stellen der Novelle ethisch-didaktische und soziale Aspekte anspricht, die damals aktuell waren und unverkennbar heute auch von allerhöchster Bedeutsamkeit sind: 

   Auf Seite 164 heißt es:
„Das Unglück weckt die Menschen auf — sonst schlafen sie mit wachen Augen; sprach Semakuang bebend. Ich bin erwacht — ich bin unglücklich ! Mir ist fürchterlich wohl, selig elend. Aber Leben ist wieder in mich gefahren wie Feuer vom Himmel. —  Leben, das Tod bringen wird!  O die Schaafheerde der Menschen würde nicht so schaafmäßig sein bei Unrecht, Verlust und Unglück, wenn sie immer und überall siegreich empfände: was man den Menschen raubt, oder was er verloren — das hat er in dieser leuchtenden Welt, in dieser für ihn nur Einmal, Einmal offenen Halle auf immer verloren ! —  Was ihm geraubt ist, das ersetzt ihm, ihm wie er da ist, die ganze leuchtende Welt, die immer immer nach ihm offene Halle Niemals, Niemals wieder.“

   Auf Seite 195 läßt Schefer die Welt in der Wahrnehmung des greisen Vaters unseres Titelhelden Samakuang zu einer großen Papierlaterne werden:
„Ich habe kein Auge mehr; meine Füße sind wie verschwunden; meine Arme sind zu schwach und faul geworden ihren eigenen Herrn zu bedienen; meine Ohren haben sich, wie Eichhörnchen im Nest, vor dem Winde zugeschnürt; selbst mein Kopf ist mir zu schwer und sinkt mir im Schlaf tief auf die Brust. Die Welt ist die große papierne Laterne voll Schattenbilder; alle umhergereiht und bunt gemalt, werfen sie selber von dem Licht nur einen schwarzen Schatten! Alle Gestalten vermischen sich darin unaufhörlich und blitzschnell. „Das ist“ kann niemand schnell genug sagen, so ist es schon verwandelt. Sagt man: das ist da, so ist es fort; sagt man: das ist fort, so ist es wieder herum und da, und zerrinnt wieder in immer größern, immer schwächeren Schatten in dem allgemeinen Licht..“
Heute wissen wir was Schefer damit meinte: Die Wirrnisse des Lebens. Wirrnisse des 19. Jahrhunderts, auch des 20. Jahrhunderts ?  Oder z.B. Globalisierung und Krisen heute  im 21. Jahrhundert ? Die Welt war schon früher wirr, wie soll das ein greiser Mensch verarbeiten, der ja mal ein Mensch voller Hoffnungen war ? !

    Auf Seite 196 lesen wir über Mutterliebe: „Aber das Herz und ein Mutterherz vergisst nicht, das ist ein Schatzhaus alles dessen was ihr Freude oder Leid gebracht, am meisten aber voll von aller ihrer vorigen Liebe. Alles was zwischen dem jetzigen erwachsenen Sohne und ihm als Kind lag, ganze Klüfte, überflog ihre Liebe, und sie empfand sich in  d e r  Stunde, da ihn der Himmel ihr geschenkt oder geliehen, und sie weinte wieder wie damals.“

    Bemerkenswertes auch auf Seite 268 — gegen den Egoismus und Egozentrismus und die Gier auch der heutigen Welt:
„ . . . Frage  Semakuang, der sich von Euch gewandt und den Sinn des Lebens gefunden hat:
' in Andern leben, in Andern glücklich sein, die wir glücklich machen, ist  u n s e r   Leben;  sonst giebt es keines'
das heißt in Leopold Schefer's Sichtweise : Die höchste ethische Qualifikation des Menschen besteht in Dasein und Aufopferung für andere Menschen als Erziehungs- und Lebensmaxime: Wäre das so, wir hätten im 21. Jahrhundert weder Finanz- noch Wirtschaftskrisen!

    Interessant zu lesen ist der Monolog des Kaisers   H i a o - T i  auf den Seiten 51 [67] bis 57 [73]:
„Denn: schrecklich ist's in den sterblichen Leibe zu wohnen!“    Der kaiserliche Wunsch nach Unsterblichkeit ist hier egoistische gesellschaftsfeindliche, dem Gemeinwohl der Menschheit entgegengesetzte Denkart eines Herrschers; einer Denkart, die nur Herrscher entwickeln können.

    Noch einmal: — Wohltuend ist Schefers Ablehnung des egoistischen Individualismus: Worte, die er auf den Seiten    267 und 268   dem dem Richter COLAO in den Mund legt: „Frage Semakuang, der sich von Euch gewandt und den Sinn des Lebens gefunden hat  ' in Andern leben, in Andern glücklich sein, die wir glücklich machen, ist  u n s e r   Leben;  sonst giebt es keines'

   Von besonderer Schönheit ist Schefer's meisterliche Beschreibung der Blütheninsel im Gelben Strome auf den Seiten 205 bis 207 , einem Begräbnisort von 17 chinesischen Kaisern — — —  die ihn ausprechen  läßt „himmlisch! himmlisch! — unvergleichlich schöner als alles im Mogenlande“

   Am Schluß der Novelle spricht Semakuang die Worte „Der Tod eben macht daß wir nicht todt sind, . . .“



Die turbulente Handlung am Schluß der Novelle kann in der Erkenntnis zusammengefaßt werden:

Leben vollendet sich angesichtes der Vergänglichkeit


   Mit der Novelle „Der Unsterblichkeitstrank“ erleben wir den Muskauer Dichter Leopold Schefer (1784 -1862) als Märchenerzähler, — ein Märchen für Erwachsene, anspruchsvoll, sehr gut durchdacht mit großer Detailvielfalt brillierend des doch eigenartigen Themas „Unsterblichkeit“ . . . . . . .

  








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Dieses Dokument wurde zuletzt aktualisiert am 10.09.2010.